Frau Druck
Was, wenn ich’s nicht schaffe?
Wenn ich wieder zurück muss –
dorthin, wo meine Persönlichkeit zu groß
und meine Ambitionen zu klein sind.
Wo ich funktioniere,
um ins System zu passen.
In eine Gesellschaft,
die einem schon bei der Geburt
Scheuklappen aufsetzt.
„Du musst nur funktionieren, mein Kind.
Hier ist ein Jutebeutel voll mit
Normen,
Rollenbildern
und Schönheitsidealen.
Sei normal,
hinterfrage nichts, mein Kind,
und folge dem Leitfaden,
den Generationen vor uns
sorgfältig gestrickt haben.“
Wie soll man wissen, wer man ist,
wenn andere entscheiden, wer man sein soll?
Ich kann mich gut daran erinnern,
dass ich schon mit acht Jahren wusste, wer ich sein will:
Künstlerin.
Ich habe damals schon getanzt,
gemalt,
geschauspielert,
Songtexte geschrieben,
gesungen –
und mich zu kreativ ausgedrückt
Drama Queen
Attention whore
Muss immer im Mittelpunkt stehen
Aber nur so hab ich mich ganz gefühlt.
Im Ausdruck hab ich mich gefühlt
Nur so war ich ich.
Bald kam das Teenie-Sein.
Und mit ihm die Erwartungen.
„Wie willst du denn mal deinen Lebensunterhalt zahlen?
Mit Singen? Mit Gedichte schreiben?
Mach erst mal was Anständiges.
Mach erst mal ’ne Ausbildung.
Dann kannst du immer noch Kunst machen.“
Das Leben ist kein Ponyhof.
Und so hab ich’s gemacht.
Irgendwas halt –
um zu sehen, ob die Welt da draußen
größer ist als mein Kinderzimmer.
Hab versucht, ins Konstrukt der Gesellschaft zu passen,
die Luft anzuhalten,
um ja niemandem was wegzuatmen,
nicht schon wieder zu viel zu sein.
Doch ich passte nur in die Welt,
solange ich in Bewegung blieb.
War ein Zelt,
kein Haus.
Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dazuzugehören
– weil ich dort niemand sein MUSSTE –
Auf Reisen
Dort war ich Form,
nicht Inhalt.
Bewegung,
nicht Person.
War viele Jahre unterwegs,
hab Städte gewechselt wie Jahreszeiten,
dachte, irgendwo da draußen liegt das Ankommen.
Aber irgendwas fehlte noch immer.
Die alte Leier fing wieder an zu spielen:
„Mach was gscheits Kind.“
Also Abi, Studium, System –
und plötzlich saß ich im Büro statt vorm Eiffelturm oder dem Pazifik
Fünf Jahre hab ich’s durchgezogen.
Und oh boy, war das Konto voll –
aber das Herz leer,
und meine Seele auf Flugmodus.
Erst als alles weh tat,
fand ich meinen Weg zurück.
Und irgendwo dazwischen
wartete die Kunst auf mich
Hab mich getraut.
Hab’s einfach gemacht.
Job gekündigt.
Und jetzt?
Bin ich frei.
Zumindest meistens.
Aber auch Freiheit hat ihre Schattenseiten –
weil auch hier wohnt Druck.
Nur trägt sie jetzt meinen Namen.
In dieser Welt, die ich mir selbst gebaut habe,
wo alles endlich Sinn macht,
frag ich mich manchmal, ob’s reicht.
Was, wenn ich nicht reicht?
Was, wenn ich zurück muss
ins Nine-to-Five,
ins ewige Nicht-Ankommen,
ins Warten
aufs Wochenende,
aufs große Gefühl,
aufs Boarding.
Manchmal frag ich mich,
ob ich einfach nur delulu bin.
All die Sicherheiten,
die man mir seit Kindheit eingebläut hat,
aufzugeben –
nur um Gedichte zu schreiben
und ein paar Cent zu verdienen
auf Bühnen wie dieser.
Aber egal, wie dunkel der Tag ist –
die Antwort lautet immer: ja.
An solchen Tagen lad ich Frau Druck einfach auf einen Matcha ein,
mach ein bisschen Breathwork mit ihr
und sag ihr, sie soll mal chillen.
Weil Leben kein Ankommen ist.
Es geht immer weiter,
immer in Bewegung,
und man kann hundert Wege einschlagen –
aber dieser hier ist meiner.
Und ja, es wird auch mal schwer sein.
Aber kein Grund, Stress zu machen, Frau Druck
just enough pressure
um zu funkeln.